Rückblick

Weihnachten………einmal bewußt ganz anders…….

Viele Jahre haben wir Weihnachten mit den Außenkindern gefeiert, so wie wir es uns gewünscht hätten, damals…….
Wobei wir nicht wirklich Erinnerungen an Weihnachten hatten. Nur immer das Gefühl Weihnachten zu hassen. Aber wir wollten dass es für unsere eigenen Kinder schön ist, und so haben wir ganz pflichtbewußt Weihnachten mit ihnen gefeiert.
Mit großem Baum und sehr stressfrei, ruhig, friedlich……

Und trotzdem blieb das Gefühl, Weihnachten zu hassen.
Also ob keines der Innenkinder jemals ein solch friedliches Weihnachten miterlebt hätte. Naja, war wahrscheinlich auch so, ich wußte ja auch nichts von diesen Innenkindern, von den Vielen……

Letztes Jahr war das erste Weihnachten mit der Diagnose DIS. Und das sechste Weihnachten in Bayern lebend. Entweder verbrachten wir den ersten Feiertag bei unserer Freundin, oder wir fuhren nach BaWü……zu unseren Kindern…..

Dieses Jahr das erste Weihnachten das bewußt anders gestaltet wurde. Weil schon Wochen vorher Erinnerungen kamen, Erinnerungen daran warum es bei uns dieses so hartnäckige Gefühl gibt, Weihnachten zu hassen. Und es war das erste mal das Bedürfnis danach, Weihnachten so zu verbringen wie WIR es wollten und nicht wie es von uns ERWARTET wurde.
Es war sehr schwer uns dazu durchzuringen, aber es war gut und richtig so.
Und was uns am meisten erstaunte war, dass die Menschen mit denen wir sonst die Feiertage verbrachten, vollstes Verständnis dafür hatten dass wir es dieses Jahr so gänzlich anders gestalteten.

Dieses Jahr kauften wir auf Anregung von Lia-Lani ein paar kleinere Geschenke für Innenkinder.

Am 23ten kam unsere Haushaltshilfe. Sie brachte uns ein kleines Geschenk mit. Wir waren sprachlos und gerührt. Und hatten ein schlechtes Gewissen weil wir nichts für sie hatten. Denn schenken ist für uns ein schwieriges Thema. Also schenken zu Anlässen wo es „erwartet“ wird wie zu Geburtstagen, Weihnachten, Ostern…….
Und selber beschenkt zu werden ist für uns ein noch größeres Thema, denn das haben wir ja nicht verdient……
Und so waren wir sprachlos und hatten Gefühlschaos wegen der Kleinigkeit die unsere Haushaltshilfe uns mitbrachte…..

Am 23ten hatten wir auch nochmals Physiotherapie und erzählten unserer Physiofrau davon, dass wir Geschenke für Innenkinder gekauft haben. Und die Physiofrau fragte, ob die Körperfrau denn auch ein Geschenk bekäme und wir verneinten dies. Worauf die Physiofrau meinte, dass sie es gut finden würde wenn wir für die Körperfrau auch eine Kleinigkeit kaufen würden, denn das hätte sie sich redlich verdient…….
Nachdenklich fuhren wir im Anschluss zur Pferdefrau, die meinte dass wir doch nochmal für 30 min vorbei kommen sollten…..

Aus diesen 30 min die geplant waren bei den Pferden zu verbringen wurden 90 minuten. Schöne, interessante, lehrreiche 90 minuten. Und als ich zum Abschluss mit dem Mann der Pferdefrau noch eine Zigarette rauchte, erkundigte sich dieser nach den Enkelkindern und meiner Tochter. Und die Pferdefrau schnürte uns derweil ohne dass wir es wußten, ein kleines Tütchen ihrer selbstgebackenen Kekse, weil wir ja keine backen und sie der Meinung war, dass ein paar selbstgebackene Kekse zu Weihnachten einfach dazugehören. Und sie überreichte uns diese mit ihrem schönsten Tannenzweig den sie hatte, weil auch Tannenduft zu Weihnachten irgendwie dazu gehört……
Wieder waren wir platt, gerührt und sprachlos……
Und hatten ein schlechtes Gewissen…….

Unsere Freundin fragte an, wann wir zur Tochter fahren würden. Wir ahnten dass sie fragen wollte, ob wir am ersten Feiertag zu ihr zum Essen kommen wollten.
So erzählten wir, dass wir dieses Jahr Weihnachten bewußt anders gestalten, in uns reinhorchen und fühlen wollten und weinen wenn uns danach sei und dass wir erst am 2ten Feiertag zur Tochter fahren würden und am 28ten wieder zurück kämen, nur mit unserem behinderten Enkel am 27ten seinen Geburtstag feiern wollten. Und dass wir auch Silvester dieses Jahr nicht zu ihr kämen weil wir es bewußt anders gestalten wollten und schrieben, wie wir diese zwei „Ereignisse“ für uns geplant hatten. Zurück kam ein „das hört sich so gut und so richtig an!“, was uns platt und sprachlos machte und uns so berührte.

Damit waren wir emotional so dermaßen überfordert, mit diesen ganzen liebevollen und schönen Kleinigkeiten dieses Tages, dass wir abends ein Krisentelefonat mit Frau Semmel führten und uns die Seele aus dem Leib heulten weil wir es weder verstehen konnten noch fassen, dass es Menschen gibt die es völlig ohne Gegenleistung einfach nur gut mit uns meinen.

Am 24ten vormittags war unsere Ergotherapeutin mit uns frühstücken. Das war sehr schön. Und wir erzählten ihr von der Physiofrau und dass diese meinte, dass die Körperfrau auch ein Geschenk erhalten solle. Sie fand das eine dermaßen gute Idee dass sie mit uns noch kurz los ging um eines zu besorgen. Das Lieblings-Sommerparfüm das die Körperfrau schon seit Jahren nicht mehr gekauft hatte. Das fanden wir aber nicht, obwohl wir in zwei Geschäften waren und so probierten wir diverse Parfüms durch und haben dann eines gefunden das passt. Nicht so toll wie das Lieblings-Sommerparfüm, auch nicht so toll wie das Lieblings-Winterparfüm (das auch schon Ewigkeiten nicht mehr nachgekauft wurde), aber ein gutes das sowohl was vom Sommer als auch vom Winterparfüm hat. Ein gutes „dazwischen“.

Ja, wir stellten das Parfüm dann zu den eingepackten Geschenken für die Kleinen, die unter einem Mini künstlichen Weihnachtsbaum lagen……..und waren so platt dass wir uns ersteinmal hinlegten und schliefen, 2 Stunden lang. Und wachten auf mit Körperschmerzen und Übelkeit.
So lenkten wir uns erstmal mit aufräumen ab. Und irgendwann wollten wir Geschenke auspacken. Und nur bei dem Gedanken daran schossen die Tränen in die Augen und es ging nicht, es ging einfach nicht. Wir schafften es nichtmal zu den Geschenken hin zu laufen. Aus lauter Verzweiflung fingen wir an in der Küche eine Wand zu streichen. Ostern hatten wir ja das Bad gestrichen und hatten noch Farbe übrig. Auch das streichen Ostern geschah aus Verzweiflung…..
Zwischendurch immer mal wieder der Gedanke, jetzt doch Geschenke auspacken zu wollen/sollen und wieder schossen die Tränen……es ging einfach nicht. Und so strichen wir in der Küche Wand an, schauten irgendwann auf maxdome einen Film an, nahmen Bedarf und gingen ins Bett…..ohne ein Geschenk angerührt zu haben.

Am ersten Feiertag kam Frau Semmel, das war so vereinbart, wir wollten gemeinsam in einem Lokal Essen gehen, Expo…….ganz bewußt Weihnachten……Gans essen, in einem Lokal mit guter Küche in dem man schon im Voraus reservieren muss wenn nicht Weihnachten, Ostern oder Silvester ist…….
Und da Frau Semmel etwas früher kam und noch Zeit war bevor wir losfahren mussten, packten wir dann mit Frau Semmel zusammen die Geschenke aus. Und das war auch gut so. Wir spielten sogar noch ein klein wenig und gingen dann Essen.

Das Essen selbst verlief eigentlich erfreulich gut, solange in dem Nebenraum in welchem wir unseren Tisch hatten noch die Großfamilie war. Da waren auch Kinder mit dabei und dementsprechend war es etwas lauter. Am Tisch direkt nebenan saß ein Ehepaar. Und als die Großfamilie ging, fühlen wir uns plötzlich extrem beobachtet und dann wurde es zunehmend schwierig. Auf der Heimfahrt war dann wohl Damian da……und als Frau Semmel uns noch in die Wohnung begleitete brach Damian wohl im Flur mehr oder weniger zusammen. Ich selbst hab davon nichts mitbekommen, zumindest erinnere ich mich nicht mehr, aber Frau Semmel erzählte irgendwann dass Damian voll die Panik hatte und im Flur die Badtüre entlang zu Boden gesunken sei und erstmal völlig abgeschmiert sei……
Hm…….
Ich hatte ein schlechtes Gewissen dass Frau Semmel dann noch so lange da blieb bis ICH wieder da war…….

Am 26ten fuhren wir morgens nach BaWü zur Tochter. Die Fahrt war ziemlich anstrengend, da überwiegend in wirklich dichtem Nebel. Wir kamen gegen 13 Uhr dort an und verbrachten einen schönen Nachmittag mit Tochter, Schwiegersohn und den Enkeln zusammen. Einzig als wir Tochter erzählten dass es uns am 24ten nicht möglich war die Geschenke auszupacken, da antwortete sie dass wir ja manchmal schon ein wenig Drama wären. Was Joshi furchtbar traurig machte. Mich auch, weil ich das so von Tochter eigentlich nicht erwartet hätte. Aber wir trauten uns nicht es zu sagen. Sophie übernahm das dann am 28ten bevor wir wieder nach Hause fuhren. Und Tochter entschuldigte sich bei uns und sagte, dass sie es furchtbar traurig mache mit anzuhören wie schwer es uns fällt, Geschenke auszupacken, wo sie selbst Weihnachten so schön findet und sich darauf freut. Und dass sie diese Traurigkeit dann mit dieser Bemerkung überspielen wollte, uns aber nicht damit verletzen wollte.
Das konnte dann auch Joshi verstehen und so fuhren wir am Nachmittag wieder nach Hause.

Die zwei Nächte im Hotel waren übrigens überraschend gut. Schade war nur, dass die Freude und der Stolz den wir noch morgens empfunden hatten, gegen abend schon wieder gekippt war in Gefühle der völligen Lebensuntauglichkeit, weil wir eine Stunde nach unserer Ankunft zu Hause am liebsten wieder aus der Wohnung geflohen wären…….weil uns wieder einmal bewußt wurde wie viel an dieser Wohnung triggert.

Und so werden wir also im neuen Jahr mit Hochdruck eine neue Wohnung suchen……

Ja, was bleibt sonst noch zu sagen…….
Es war ein intensives Jahr, in welchem uns viel bewußt wurde, wir ganz anders wahrnehmen konnten. Es war ein schwieriges Jahr, in welchem wir viel zu oft über unsere Grenzen gingen aus Angst, andere zu enttäuschen oder weil wir der Meinung sind dass wir es nicht verdienen auf unsere Grenzen zu achten.
Es war aber auch ein Jahr in welchem wir in einigen Punkten weitaus Selbstfürsorglicher mit uns umgingen als bisher.
Es war ein Jahr voller neuer Erinnerungen, so dermaßen schmerzhaft, dass sie oft den Atem raubten…….
Es war ein Jahr in welchem wir viel zu schnell voran schritten…..

Und zum Abschluss des Jahres? Die Erkenntnis im neuen Jahr mehr Pausen zu machen, langsamer voran zu gehen, Grenzen mehr zu achten……..aber ansonsten weiter zu gehen auf dem Weg den wir begonnen haben. Den Weg uns selbst zu finden, uns zuzuhören, uns wahrzunehmen, zu spüren……….und vor allem, uns selbst zu glauben, dass wir nicht nur erfunden sind, nicht nur Lügen, sondern dass all das Schlimme uns wirklich passiert ist. Dass wir Viele werden MUSSTEN um überleben zu können……

Soweit unser Rückblick…..

Wir wünschen euch allen einen guten und unfallfreien Rutsch ins neue Jahr und freuen uns darüber, euch auch in 2020 lesen zu dürfen und von euch gelesen zu werden.

Eure Scherbensammlerin mit all ihren Scherben

2 Kommentare zu „Rückblick

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