Vertrauen 03

Wir haben einen Hund. Aus dem Tierschutz. In Griechenland geboren, in Athen, verbrachte er die ersten 8 Monate seines Lebens dort irgendwo. Er hat einen EU Heimtierausweis von seinem ersten Besitzer in Athen der ihn impfen ließ, dessen Name und Adresse es wirklich gibt. Also wuchs er nicht als Straßenhund auf. Keiner weiß wie er aufwuchs und warum sein erster Halter ihn nach 8 Monaten mit einer Tierschutzorganisation nach Deutschland gab.

Er landete also mit 8 Monaten in einem Tierheim in Bayern. Völlig verängstigt, völlig traumatisiert. Er vertraute niemandem, rannte den halben Tag panisch in seinem Auslauf im Kreis. Wenn er rannte schaffte es niemand ihn zu stoppen. Die Tierpflegerinnen gaben es schnell auf sich um sein Vertrauen zu bemühen, zu verängstigt war er, zu Zeitintensiv wäre es gewesen sich mehr mit ihm zu beschäftigen. Zeit die diese Tierpflegerinnen schlicht nicht haben.

Er war bereits 9 Monate im Tierheim als ich ihn entdeckte. Auf der Internetseite hatte ich geschaut was gerade für Hunde im Tierheim sind und ob ich evtl mit einem davon Lust hätte Gassi zu gehen. Da blickte mich von der Internetseite dieses scheue, verängstigte etwas mit panisch aufgerissenen Augen an. Und es trug den Namen, den ich einem Rüden sowieso immer geben wollte, sollte ich mir mal einen Welpen zulegen. Ich las den Namen und dachte „das gibt es doch gar nicht!“

Wenige Tage später machte ich mich auf ins Tierheim um diesen Hund, Kimon, kennenzulernen. Die Tierpflegerin meinte nur, dass ich einen Termin ausmachen solle außerhalb der Öffnungszeit, denn solange Besuchszeit wäre würde er nur im Kreis rennen und wäre durch nichts und niemand aufzuhalten. Ich schaute ihm eine Weile beim rennen zu und machte im Büro einen Termin aus.

Und so begann ich Kimon regelmäßig zu besuchen. 2x die Woche für 1,5 Stunden. Erst saß ich nur in seinem Zwinger, redte vor mich hin oder sang ein Liedchen, den Rücken ihm zugewandt. Und rutschte von mal zu mal immer ein klein wenig näher zu ihm hin. Nach 8 Wochen ließ er es völlig verängstigt zu dass ich ihn streichelte. Nach insgesamt 3 Monaten erlaubte er mir ihm die Leine anzulegen und mit ihm das Tierheim-Gelände zu verlassen. Und beanspruchte für sich den größtmöglichen Abstand den die Leine hergab. Nach vorne. Kam uns jemand entgegen, Mensch zu Fuß oder noch schlimmer auf dem Rad so rannte er im 90 Grad Winkel seitlich weg und kugelte mir dabei fast die Schulter aus. Immer und immer wieder!!!

Nachdem ich ihn ca 6 Monate regelmäßig besuchte nahm ich ihn zu mir. Es war klar dass dieser arme Tropf unvermittelbar ist mit diesen Ängsten und wer kann denn einen traumatisierten Hund besser verstehen als ein traumatisierter Mensch?

Die ersten 14 Tage bei mir zu Hause musste ich Kimon, um mit ihm Gassi gehen zu können, aus dem Haus heraus tragen da er sich weigerte die sichere Wohnung zu verlassen. Und sobald er sich erleichtert hatte war sein Bestreben so schnell wie möglich in die Wohnung zurück zu dürfen. Er erschreckte sich vor allem und jedem!!!

Ein Mensch im Garten? Kimon rannte weg. Ein Straßenschild? Kimon erschreckte sich. Eine Mülltonne? Kimon weigerte sich daran vorbei zu gehen. Ein Hydrant? Kimon wollte auf die Straße ausweichen. Ein Radfahrer? Beinahe ausgekugelte Schulter bei mir. Laute, spielende Kinder? Kimon in allerhöchster Panik!

Ich begann morgens ganz früh und nachts mit ihm Gassi zu gehen um erstmal Menschenkontakt, Kontakt mit Radfahrern und Kindern zu minimieren. Wenn es dämmerte oder dunkel war. Ich umarmte Mülltonen, streichelte sie, schüttelte sie, trat leicht gegen sie um Kimon zu zeigen dass mich eine Mülltonne nicht angreift, egal was ich mit ihr mache. Ebenso verfuhr ich mit Hydranten und Straßenschilder oder Plakaten auf Holzplatten oder oder oder. In der Nachbarschaft war ich die Frau mit dem „Hau“ und dem gestörten Hund. Denn sobald wir das Haus verließen zitterte Kimon wie Erdbeben Stufe 12 und hörte damit erst wieder auf wenn wir wieder drin waren. Außer ich bekam Besuch. Dann zitterte er bis der Besuch die Wohnung wieder verlassen hatte.

Grundkommandos kannte Kimon nicht. Das Kommando „Sitz“ und „Stop“ konnte ich ihm selbst bei bringen, an „Platz“ biss ich mir die Zähne aus. So besuchte ich ca ein Jahr nachdem er bei mir einzog mit ihm eine Hundeschule. Spezialisiert auf Hunde mit Auffälligkeiten. Innerhalb von 10 Wochen konnte Kimon „Platz“, Bleib“, „Fuß“ und hier. Nicht perfekt aber immerhin. Nur Vertrauen konnte er noch immer nicht. Weder mir noch den Hundetrainern.

Ein weiteres Jahr bemühte ich mich mit Engelsgeduld Kimons Vertrauen zu erlangen. Immer wenn ich den Eindruck hatte dass es nun etwas besser werden würde bewies er mir das Gegenteil. Bei einem „Fluchtversuch“ beim Gassi gehen wegen Inline skatender Mädchen die plötzlich um die Ecker kamen amputierte er mir mit der Leine beinahe 2 Finger. Es dauerte Wochen bis die wieder verheilt waren.

Immer mehr wuchs die Angst dass ich es NIE schaffen würde dass Kimon mir vertraut, wuchs die Überzeugung dass ich zu blöd bin, zu dumm, zu ungeschickt und dass Kimon es überall besser hätte als bei mir. Die Fortschritte die er bereits gemacht hatte war ich in solchen Phasen nicht zu sehen in der Lage.

Nachdem Kimon also bereits 2 Jahre bei mir war, fühlte ich mich mit meinem Latein am Ende. Ich beschloss noch einmal viel Geld das ich mir vom Mund absparen musste in 10 Trainerstunden zu stecken, in einen Trainer der sich mit sogenannten „Angsthunden“ auskennt.

Der Trainer kam für ein Anamnese-Gespräch nach Hause und ich erfuhr was Deprivation bedeutet und dass Kimon dein deprivierter Hund sei. Gegen Ende des 1,5 stündigen Gesprächs mit kurzem Gassi damit der Trainer sehen konnte wie Kimon sich draussen verhält, wie ich mit ihm interagiere, schaffte der Trainer es dass Kimon ein Leckerlie von ihm nahm. Das war im wahrsten Sinne des Wortes ein Wunder und ich buchte 10 Trainerstunden. Der Trainer kam immer zu uns nach Hause. Erklärte wo ich mit Wortkommandos und gegensätzlicher Körpersprache für Verwirrung sorge, machte mir Mut und Hoffnung, sagte immer wieder dass wir schon großartige Vorarbeit geleistet hatten.

Nun ist Kimon seit 33 Monaten bei mir. Er zittert kaum noch wenn wir draussen sind, er beschnüffelt Besucher in der Wohnung und nimmt von ihnen Leckerlies an, wenn ihn draussen etwas ängstigt oder er erschrickt dann springt er 2-3 Hundeschritte zur Seite und schaut mich an ob ich mich jetzt auch erschrocken habe und wenn er sieht dass ich cool bleibe kriegt er sich sofort wieder ein. Radfahrer die von vorne kommen stören ihn kaum noch, wenn sie von hinten kommen setzt er sich hin und wartet bis sie vorbei sind und geht dann weiter.

Und ganz aktuell sucht er tatsächlich bei mir Schutz wenn ihm etwas unheimlich ist!!!

Im Gegenzug dazu merkt er es manchmal wenn ich dissoziiere und leckt dann so lange meine Hand bis ich wieder im Hier und jetzt bin. Oder er fordert Streicheleinheiten wenn ich traurig bin, nicht weil ER die Streicheleinheiten wirklich will, sondern weil er weiß dass ICH sie brauche.

Auch hier eine Erfahrung in der Entwicklung von Vertrauen die Mut und Hoffnung macht.

Vielleicht ist es auch UNS möglich irgendwann wieder zu vertrauen, Menschen zu vertrauen. Und ihnen nicht mehr weitestgehend aus dem Weg zu gehen. Zu erreichen was Kimon erreicht hat, uns davon überzeugen zu lassen dass nicht ALLE Menschen (ausser Helfermenschen) schlecht sind!

2 Kommentare zu „Vertrauen 03

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