Therapie 08: Eine verhängnisvolle Frage….

Heute war Frau Therapeutin Zeit. Nach der beständigen Eröffnungsfrage „Wie geht es euch denn?“ und einer kurzen Berichterstattung des gestrigen Tages nahm die Stunde nicht den weiteren Verlauf, den wir sonst gewohnt sind. Denn normalerweise fragt Sie uns nach dem Thema das wir haben oder danach wer denn heute ein dringendes Anliegen hätte…..

Heute ging es weiter mit der Aussage, dass Sie gerne noch etwas mit uns klären wolle, was Ihr sehr sehr wichtig sei…..

„Frau Scherbensammlerin, als Sie Ende 2017 zu mir in die Therapie kamen haben wir über akute Suizidalität gesprochen und wir haben damals vereinbart dass Sie sich melden wenn es so schlimm ist dass Sie wirklich ganz ernsthaft darüber nachdenken es in die Tat umsetzen zu wollen und dass Sie dann aber nichts tun solange bis ich mich gemeldet habe und wir darüber reden konnten, Sie mir die Chance gegeben haben Ihnen helfen zu können, alles mir mögliche dafür tun zu können dass ich Sie nicht in die Psychiatrie einweisen muss……“

„Ähm ja, das haben wir….“ – schaute ich sie fragend an weil mir überhaupt nicht klar war worauf sie hinauswollte. Schließlich war es ja bisher nicht nötig gewesen ernsthafter über einen Psychiatrie-Aufenthalt nachzudenken und nachdem die letzen Wochen wirklich sehr schwer gewesen waren hatte „ich“ den Eindruck dass wir langsam wieder ruhigere Gewässer ansteuern…..

„Nun, damals wußte ich noch nicht dass ihr Viele seid“ fuhr Sie fort „und deswegen möchte ich jetzt von allen im System wissen, ob sie mit dieser Regelung mitgehen können. Ob ALLE damit einverstanden sind?“

BÄM!!!!

Von 0 auf 100 das komplette System in Aufruhr. Wildes durcheinander reden im Kopf, Emotionen die im Bruchteil einer Sekunde wechselten. „Ich“ hatte das Gefühl dass in Millisekunden wild hin und her geswitched wird. Die linke Hand legte sich auf den Tisch. Blickkontakt mit Frau Therapeutin nicht mehr möglich. Die Augen zuckten hin und her…..

Frau Therapeutin beobachtete uns eine Weile, schaute die linke Hand an und fragte „Können alle im System mit dieser Regelung die ich mit Frau Scherbensammlerin alleine getroffen hatte damals, weil ich nicht wußte dass ihr Viele seid, können alle im System da mitgehen?“

Der kleine Finger der linken Hand hob sich. NEIN!

Im Innen der totale Aufruhr, Sätze, Beleidigungen,Flüche, Flehen, Bitten wechselten sich ab mit Angst und Panik und Wut und Traurigkeit und und und. So schnell dass „mir“ schwindelig wurde.

Frau Therapeutin hatte in ein Wespennest gestochen, mit einer einzigen Frage! Mit einer beschissenen einzigen Frage!!!

Plötzlich lag er offen da, der Konflikt, der im Innen schon seit wir denken können schwelt. Dass es welche gibt die schneller an Suizid denken als andere, das war bekannt. Dass es auch welche gibt für die Suizid eigentlich keine wirkliche Option darstellt, das wurde zumindest gelegentlich gefühlt. Dass es aber welche gibt, die ohne Rücksicht auf Verluste den Suizid durchziehen wollen, ohne jemandem die Chance zu geben diese Entscheidung nochmal zu überdenken weil sie ja Viele betrifft und nicht nur die/denjenigen der die Entscheidung getroffen hat……das war bisher nicht bekannt, auch „mir“ nicht.

Frau Therapeutin erklärte, dass sie niemandem einfach etwas überstülpen wolle und dass es ihr wichtig sei dass ALLE im System in der Lage wären, sich an eine getroffene Abmachung zu halten und erfragte, wer im System sich außerstande sieht sich an diese Vereinbarung zu halten. Und auch wenn das jetzt vielleicht den Eindruck erweckt dass dies alles relativ schnell geklärt gewesen wäre,……nein! Es wurde sich gewunden und geziert, mit sich gerungen und gekämpft, es war eine so harte und anstrengende Stunde, wir fühlten uns danach wie durch 100 Fleischwölfe gedreht und von mindestens genauso vielen Dampfwalzen überrollt.

Vier der Scherben gaben sich zu erkennen dass sie nicht bereit sind diese Regelung mit zu tragen. Die Gründe dieser vier konnten wir sehr sehr mühsam auch noch eruieren warum sie sich dazu außerstande sehen.

Alle vier haben durchaus nachvollziehbare Gründe und Argumente geliefert.

Und nach langem diskutieren, fühlen, ringen, kämpfen haben sich diese vier zumindest vorübergehend dazu bereit erklärt dieser Regelung zuzustimmen.

Die endgültige Lösung dieses Konflikts im Innen, der schon immer da war, der ungesehen wahnsinnige Energie kostete, für einen riesengroßen ständigen Druck im Innen sorgte, diese Lösung wird in den nächsten Wochen und Monaten mühsam erarbeitet werden müssen!

Neben einigen anderen Themen die sowieso schon auf der Agenda stehen noch ein weiteres! Aber ein verdammt wichtiges!!!

Wir sind uns auch noch nicht so wirklich einig darüber ob wir es gut finden, dass Frau Therapeutin mit dieser einen Frage so dermaßen ins Schwarze traf, dass es kurzfristig das gesamte System aus den Fugen gehebelt hat…….

6 Kommentare zu „Therapie 08: Eine verhängnisvolle Frage….

  1. Diese Frage ehrlich zu beantworten finde ich schwierig, selbst wenn man nicht viele wäre. Aber wenn man mehrere ist dann ist das nochmal eine andere Hausnummer und versprechen kann man ja viel, aber ob sich dann auch alle daran halten ist eine andere Sache…

    Gefällt 2 Personen

    1. Ja, vor allem wenn ein Anteil unbedingt die Macht über den Körper haben will. Denn wenn Bescheid gesagt wird dass es sooooo schlimm ist und auf Rücksprache der Therapeutin gewartet wird, dann hat die Therapeutin die Macht, so zumindest die Denke dieser Scherbe………..

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  2. Ich kenne es leider so, dass wenn diese Art Verträge eingefordert wurden, es dazu kam, dass sich immer jemand im Innen fand, der sich geradezu darüber freute, diese zu brechen.
    Wir haben damit schon herrliche Scheiße angerichtet und „nette“ geschlossene Stationen von innen kennengelernt.
    Meine Therapeutin hat es jetzt gelassen. Ich weiß nicht, wie es ihr damit geht, weil sie oft gesagt hat früher, dass es ihr Sorge oder Angst macht.
    Sektsamer Weise ist es viel ruhiger seit es keinen Vertrag mehr gibt und so. Ich melde mich bei ihr oder schaffe es selbst mich zu kümmern. Irgendwie seltsam

    Gefällt 1 Person

  3. Aus eigener Erfahrung: Mich hat eine sehr ähnlich lautenden Frage damals auch total umgehauen und das System in Aufruhr gebracht – aber letztlich war es der Schlüssel, um mit einigen besonders gut zusammenarbeiten zu können und von anderen weitestgehend ‚in Ruhe‘ gelassen zu werden.

    ….Für die Beantwortung habe ich damals Wochen benötigt….

    Gefällt 1 Person

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