Kann man sich zu Tode switchen?

Pünktlich zwischen 20 Uhr und 21 Uhr bricht die Dämmerung herein. Die Körperanspannung steigt, das Fingerknibbeln findet automatisiert statt bis der Schmerz oder Blut es bremsen. Dann weicht die Watte im Kopf für einen Augenblick.

Eine Funktionierende tritt kurz nach vorn, hat der Hund schon sein Futter bekommen? Keine Ahnung, ein Schulterzucken. Aber du muss das doch wissen du bist doch dafür zuständig! Ich weiß es aber nicht, geh mir nicht auf den Keks. Ein Blick der Funktionierenden in den Kühlschrank, ja der Hund hatte Futter bekommen, gut, Abmarsch.

Es kommt, ja wer kommt denn dann? Watte im Kopf, Zeitverlust. Gaaaanz weit hinten vernehme ich ein leises rufen, eher ein weinen „es gab immer noch nichts zu essen für uns! Der Hund bekommt aber wir nicht!“ So wie diese leise Stimme das Gehirn erreicht, ist sie schon wieder vergessen.

Wir sitzen da. Machen wir etwas? Denken wir? Fühlen wir? Wir sitzen halt mal da……Zeit vergeht. Vielleicht sorgt ein Kaffee für etwas mehr Klarheit im Kopf. Sobald wir an der Kaffeemaschine den Knopf gedrückt haben ist der Gedanke an Kaffee verschwunden. Vom Nirvana verschluckt.

Die Funktionierende meldet sich, der Hund muss raus zum Pipi. Irgendjemand zieht die Schuhe und die Jacke an, legt dem Hund sein Brustgeschirr an und stolpert los. Im wahrsten Sinne des Wortes. Manchmal hat die oder derjeneige der geht die Bluetooth Kopfhörer auf mit Musik.

Wir kommen zurück, schließen die Türe auf und fragen uns, hat er denn jetzt ein großes Geschäft gemacht oder nicht? Irgendjemand schreit „das solltest du aber wissen du dumme Kuh!“ Die dumme Kuh zuckt ratlos die Schultern und befreit Hund von seinem Geschirr und sich selber von Schuhen und Jacke.

Es schreit immer noch irgendwo ganz hinten „wir haben Hunger, wann gibts was zu essen?“. Im Zuge der Überlegung was ich zu essen machen könnte fällt der Blick auf die Kaffeemaschine, da steht ein eiskalter Kaffee drin, warum eigentlich? Achja, vorhin wollte ich ja einen trinken um klar im Kopf zu werden. Ok, eben neuen machen. Essen bereits wieder vergessen. Ich gehe ins Bad, komme zurück, kraule den Hund, schau auf die Uhr, Nachtmedi einwerfen und auf die Müdigkeit warten. Die Müdigkeit die sich so verdammt schwer tut zu mir durchzugelangen, weil es dunkel ist, weil ein Anteil in Panik ist, weil die Anspannung so hoch ist dass ich mir die Kronen fast rausbeisse weil ich so fest auf die Zähne beisse. Ich registriere es. Versuche locker zu lassen. Eine Stimme schreit, „du bringst alles mit Gewalt kaputt, es gibt überhaupt keinen Grund sich die Kronen zu ruinieren, jetzt sei halt mal locker!“

LOCKER!!!! DIESES Wort in Kombination mit Dunkelheit sorgt dafür dass ich plötzlich durch die Wohnung eile wie ein Duracell Hase. Das wird aufgeräumt, dort was weggeräumt, hier noch was zusammengefegt, den Hund nach Zecken abgesucht……habe ich meine Nachtmedi eigentlich schon genommen? Ein Blick auf die „Wochenschachtel“ sagt ja sie sind genommen. OK. Warum zur Hölle werde ich nicht müder sondern immer aufgekratzter? Ein Blick aus dem Fenster und ich weiß es wieder. Es ist dunkel draussen! Wie jede Nacht. Und wie jede Nacht schiebt dieser Anteil Panik. Es ist mir zu viel.

Nochmal eine letzte Pipirunde mit dem Hund, ein letzter kleiner Nachtimbiss für ihn, da fällt mir ein, hat vorhin nicht noch jemand Hunger gehabt? Nach essen gerufen? Ich vernehme nur ein leises schluchzen. Ok. Anspannung immer noch abartig, es ist weit nach Mitternacht, durch die Nachtmedis so müde dass ich fast vom Stuhl falle. Ich wanke Richtung Bett. BETT!!!! Alles in Aufruhr! Shit. Also Hängematte und lesen im Kindle bis der Sturm sich gelegt hat.

Langsam entspannt der Körper. Ich höre ein leises „Hunger“……echt jetzt? Inzwischen ist morgens um 2 Uhr. Aber es stimmt, die letzten 24 Stunden gab es Nahrung für den Hund, nicht aber für uns. Also raus aus der Hängematte und irgendetwas schnelles, einfaches, Suppe oder Rührei………Einige sagen „igitt Suppe, zu salzig!“ Andere „Rührei, die Konsistenz!“, die Hungrige sagt „egal, hauptsache essen!“ und ich platze fast aus der Hose vor Wut. WUT!!!!! Keine WUT, bitte bitte nicht ich bin ganz brav und ganz lieb!“ höre ich im Innen. Scheiße jetzt laufen die Tränen. „Heulsuse, Heulsuse“ unkt jemand von innen heraus. Und da ist sie dann auch schon wieder, guten morgen Juli mein suizidales Mädchen. Dir ist wieder alles zu viel, es ändert sich sowieso nie etwas und es hört nie auf, ja ich weiß…….

Inzwischen morgens 4 Uhr. Ich bin so fertig, so müde! Was habe ich denn eigentlich seit 22 Uhr gemacht? Ich weiß es nicht mehr, es ist mir inzwischen auch egal. Ich falle in die Hängematte, der Schlaf holt mich endlich ein.

Und die Albträume, und die Körperschmerzen. 3 Stunden später steh ich völlig gerädert auf, rauche eine und werfe mir eine Schmerztablette ein. Im Innen vernehme ich „ich hab Angst“. Wer auch immer das sagt, du bist nicht alleine, ich hab auch Angst, Angst endgültig durchzudrehen. Angst mir alles nur einzubilden. Angst halt…..

Ich falle nochmal in die Hängematte und schlafe noch mal 4 Stunden.

Scheiße der Hund muss raus! So mein erwachen. Scheiße tut mir alles weh (also hauptsächlich die Region zwischen den Beinen), scheiße was war das denn für ein beschxxxx Traum? Ich wanke zur Kaffeemaschine, zünde eine Kippe an, geh ins Bad. Bis ich zurück bin ist die Kippe halb von allein geraucht, der Kaffee schon längst wieder vergessen. Irgendjemand zieht uns an und geht mit dem Hund raus. Irgendjemand kommt mit uns und Hund wieder zurück. Irgendjemand macht dem Hund sein Futter. Fuck, da steht schon wieder ein eiskalter Kaffee, das kann doch nicht so schwer sein sich an einen Kaffee zu erinnern, so flucht es aus dem Innen.

Ich hab Hunger, sagt jemand, jemand junges. Ja ich mach gleich was. Schau mal eben in den Kalender ob für heute was ansteht……ja nachmittags Thera, noch jede Menge Zeit. Geschirrspülmaschine ausräumen, dabei die Kaffeemaschine einschalten, Geschirrspülmaschine einräumen, Blumen gießen, Bad putzen, Hund füttern, noch ne kurze Gassirunde bevor Frau Therapeutin da ist.

Wer zum Geier hat schon wieder einen Kaffee gemacht und ihn vergessen? Wieder eiskalt, ich könnt Kotzxx. „Ja ich kotz auch“ sagt ein dünnes Stimmchen, „ich hab Hunger!“ …… Sag mal hast du nicht vorhin was zu essen bekommen?? Nein? Na gut, ich mach gleich was, nur kurz noch das Altpapier rausbringen, neue Zigaretten stopfen und……mist, Frau Therapeutin ist gleich da, wo ist die Zeit nur schon wieder hin?

Haben wir denn jetzt was gegessen? Keine Ahnung!

In der Therapie Erinnerungen aus dem damals, Übelkeit, Körperschmerzen, Tränen. Völlig fertig mit der Welt als Frau Therapeutin geht.

Ich hab Hunger! sagt etwas in mir

Ich hab Angst! sagt etwas anderes in mir, denn es ist ja inzwischen wieder dunkel.

Ich mag nicht mehr sag ich zu mir selbst. Und Juli stimmt mit ein.

Und so beginnt es von vorne. Psychotherapie lässt sich beliebig ersetzen durch Ergotherapie, Physiotherapie, Logopadie……..

Wo ist die Zeit des Tages? Er hat doch 24 Stunden. Warum erinnere ich mich an so wenig? Warum wird essen ständig vergessen???

Wer switcht hier eigentlich laufend mit wem? Darf ich auch mal wieder mitspielen?? Bitte??!??

7 Kommentare zu „Kann man sich zu Tode switchen?

  1. Ohjeh das klingt nach ganz viel Chaos.
    Das tut mir sehr leid.
    Mir fällt dabei nur spontan ganz pragmatisches Zeug ein wie: Wenn der Hund zu fressen bekommt, esst ihr auch etwas-Routine
    Also statt sich zu verheddern in “ich mach noch schnell dies und das” mal die Prioritäten anzugucken.
    damit der Körper funktioniert, braucht er Nahrung. Einfach Rechnung.
    Und je schwächer der Körper wird durch Nahrungs- oder Schlafmangel umso chaotischer wird das Innen auch.
    Denn so Dinge wie hier zum Beispiel das Altpapier, können auch liegen bleiben, bis man etwas gegessen hat.
    Für uns ist gegen das Verdissen definitiv die Lösung an dem, was man macht dran zu bleiben und Switches nicht zu fördern durch nebenher was anderes machen.
    Kaffee machen? Daneben bleiben!
    Prioritäten also.
    Vielleicht ist hier ja etwas praktikables dabei.

    LIebe Grüße ❤

    Gefällt 4 Personen

    1. Danke Lunis.
      „Ich“ denk halt immer dass das früher doch auch alles gegangen ist. Da hab ich Kaffee gemacht, gekocht, telefoniert, am PC noch was für den AG fertig gemacht und dem Sohn sein aufgeschlagenes Knie gepustet und ihm liebevoll über den Kopf gestreichelt……und das war kein Problem.
      Dass das jetzt alles nicht mehr geht und ich so viel vergesse, das will und kann ich schlicht nicht glauben……

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  2. Das klingt sehr, sehr anstrengend und verwirrend… ich lass euch ein großes Kraftpaket da. ❤
    Lunis Idee sozusagen mit dem Hund gemeinsam zu essen finde ich total gut! 🙂

    Mir geht es übrigens auch so, wenn zu viel gleichzeitig versucht wird zu erledigen oder man bei der einen Aktivität schon an die nächsten 5 denkt, dann kommt das Chaos.
    Manchmal ist es gar nicht so leicht daran zu glauben, dass es sich lohnt, sich durchzukämpfen.
    Ich kann total gut verstehen, dass du diese Veränderung nicht so einfach akzeptieren kannst+willst… ich fürchte aber, dass es sich nicht besser kann, wenn du da auch noch gegen dich+euch kämpfst. Da geht so viel Kraft für drauf…Kraft, die man für anderes bräuchte.
    Ich schreib das so locker-flockig…dabei kann ich das selbst auch gar nicht gut… :/

    alles Liebe ❤

    Gefällt 4 Personen

    1. Vielen Dank Aschetaumel für deine Gedanken und Hinweise.
      Ja, das gemeinsam essen mit dem Hund hat mir vor Lunis auch schon jemand vorgeschlagen, doch das ist leider nicht so leicht. So viele Jahrzente gewohnt dass zuerst andere versorgt sein müssen bevor ich mich selbst versorgen darf.
      Das wird sicher ein langwieriger Prozess bis ich das irgendwann ändern kann dass ich weiß dass ich „uns“ durchaus zuerst versorgen darf und dann erst der Hund. Beides zeitgleich bekomme ich nicht hin, das überfordert schlicht. Doch tut mir die Kleine, die so oft wegen Hunger weint, auch so sehr leid und ich hab sooooo ein schlechtes Gewissen dass ich mich nicht gut genug um sie kümmere……..

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      1. Wer ist versorgt wenn du zusammenklappst ?
        Nur mal ein beigedanke zum erst müssen alle anderen versorgt sein….
        Zwischenzeitlich ist es aber wohl kaum ein Problem, dem Hund sein Futter zu geben und dir dann sofort selbst was zu machen. Oder halt eine halbe std vor hundefutterzeit anzufangen, dir was zu machen und gemein Sam mit dem gund zu speisen 🙂

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  3. ……hab diesen Eintrag erst jetzt gerade gelesen….und ich fall fast vom Stuhl vor lauter WOW..sorry…schmunzeln gibts sonst nur sehr selten…aber hier zu lesen ist zwar traurig und wahr ….HIER ist das alles auch so…OMG….sollte mal endl.ALLES von euch lesen…um nicht vor lauter Angst vor diesen „Löchern“ im Kopf komplett durchzudrehen!

    DANKE an euch alle….dass es euch gibt!

    Gefällt 1 Person

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