Vertrauen, können-dürfen-lernen?

Ich war von 2014 bis Ende 2017 insgesamt 5x in der selben Klinik zur Traumaarbeit. Ich hatte auch in jedem Aufenthalt die selbe Therapeutin, mit der die Chemie stimmte.

In jedem Aufenthalt gab es mehrfach Situationen dass ich aus einer Einzeltherapie Stunde entlassen wurde und die Therapeutin ein gutes Gefühl hatte ich sei stabil und wir könnten in der nächsten Stunde da anknüpfen. Nur war ich in der nächsten Stunde in einem völlig anderen Film und total destabilisiert. Was war passiert? Sie sagte in der Stunde irgendein Wort, einen Satz oder hatte eine bestimmte Mimik oder Körperhaltung…..den Auslöser weiß ich nicht mal so genau, ich merkte immer nur das innerliche einfrieren. Emotion null, nada, nix! Und dennoch führte „jemand“ dieses Gespräch souverän zu Ende. So souverän dass ein switch wohl nicht zu bemerken gewesen war…..

Die Therapiestunde ging dann dafür drauf zu klären was jetzt grade eigentlich los ist und warum und manchmal gelang uns dies auch gar nicht. Fakt ist, dass ich jedesmal mit dem Gefühl zurück blieb, dass ich zu dumm bin das umzusetzen was mir beigebracht wird. Denn kognitiv hatte ich es ja verstanden, kognitiv betrachtet gerhöre ich sogar gerade so zu den „Hochbegabten“ aber emotional……ich schaffte es einfach nicht, es ging nicht! Ich konnte so einen „Zustand“ mit allen Mitteln der Welt nicht wegskillen. Es half einfach nicht. Und weil es nicht half war ich wohl zu dumm. Und diese Emotion des zu dumm seins, des Versagens, die drückte ich weg. Darf nicht sein, will ich nicht haben.

Nun gut, kurz bevor ich das letzte Mal in diese Klinik ging konnte mir endlich die ambulante Therapeutin bei der ich schon 9 Monate auf der Warteliste stand, einen Platz anbieten. Diese Therapeutin hatte früher auch mal in dieser Klinik gearbeitet, kannte meine Kliniktherapeutin also und besprach mit dieser auch wie der ambulante Weg für mich aussehen könnte. Nach wenigen Stunden präsentierte ich der ambulanten Therapeutin meine „Scherben-Landkarte“ mit ein paar meiner Scherben und Pfeilen kreuz und quer und Sätzen mit denen die sich ständig befeuern oder auch mich. Ich wollte dass sie verstehen kann was die ganze Zeit in meinem Kopf abgeht, dass da nie Stille ist und dass ich das einfach nicht länger ertragen kann. Diese Karte erstellte ich irgendwann zwischen meinem zweiten und dritten Klinikaufenthalt.

Sie stutzte und, was ich erst im nachhinein erfuhr, sie rief die Kliniktherapeutin an und fragte ob bei mir eine DIS vorliegen könnte. Das wurde von der Kliniktherapeutin verneint. Einige Monate später fand wohl noch so ein Telefonat statt mit dem selben Inhalt. Weitere Monate später zeigte sich eine sehr destruktive Scherbe männlichen Geschlechts meiner ambulanten Therapeutin gegenüber, nur kurz, nur ein einziger Satz. Aber von da an war es unserer ambulanten Therapeutin klar. Sie begleitete uns zu unserem nächsten Psychiater Termin und bestand darauf dass ich alles erzählen soll von meinen Scherben. Und ich erzählte und beantwortete der Psychiaterin jede Menge Fragen. Seither ist die Diagnose klar. Dissoziative Identitätsstörung. Erstmal war die Diagnose ein Schock und viele Scherben weigerten sich diese Diagnose zu akzeptieren. Irgendwann traf ich mich mit der Kliniktherapeutin und erzählte ihr von der Diagnose und sie zeigte kleinerlei Bereitschaft diese Diagnose als gegeben zu betrachten.

Einige Monate sind nun ins Land gegangen. Unsere amulante Therapeutin besuchte Fortbildungen, las jede Menge Literatur, weil wir ihre erste DIS Patientin sind, aber bei ihr bleiben wollten. Und sie findet es toll dass wir bei ihr bleiben möchten und sie mit uns gemeinsam lernen darf. Und sie hat wirklich alles getan um ganz schnell ganz viel zu lernen wie sie uns helfen kann. Sie ist echt toll!!!!

Unsere Kliniktherapeutin meldete sich vor kurzem, dass sie mit ihrer Familie in ein anderes Bundesland zieht und hat uns zu einem Abschieds-Essen eingeladen, weil sie ja jetzt nicht mehr unsere Therapeutin sein wird, sollten wir noch einmal in die Klinik kommen. Und bei diesem Essen haben wir erfahren, dass die Frage ob bei uns eine DIS vorliegen könne, schon im ersten oder zweiten Klinikaufenthalt im Team diskutiert wurde. Und dass SIE beschlossen habe diesen Ansatz nicht weiter verfolgen zu WOLLEN (O-Ton!). Auch nicht als ich im dritten Aufenthalt die Landkarte mit einigen Scherben präsentierte. Erstmal einfrieren in dem Moment. Wer auch immer weiter mit ihr das Gespräch führte, keine Ahnung. Innerlich Schockzustand, tot, null emotion, shutdown!

Als sich nach ein bis zwei Tagen der innere freeze langsam löste kam Schmerz. Unglaublicher Schmerz. Entsetzen und Fassungslosigkeit. Manche Scherben kapieren nicht warum sie sich gegen diese Diagnose so sträubt. Manche Scherben fühlen sich abgelehnt, verraten und verarscht. Manche Scherben sind unglaublich enttäuscht. Und verletzt! Sehr verletzt!!!

Mit Vertrauen hatten wir schon immer ein riesen Problem. Die Klinik Therapeutin hat so lange und so hart mit uns gearbeitet bis wir ihr endlich vertrauten. Und nun das! Für uns eine Ablehnung und ein Vertrauensmissbrauch auf den ganzen Linie. Nicht nur dass sie mit uns nicht darüber sprach dass diese Diagnose als Möglichkeit im Team diskutiert wurde, nein sie hat auch der ambulanten Therapeutin nichts darüber verlauten lassen. Wir fühlen uns betrogen!!!

Und wir merken, dass wir nun unserer jetzigen ambulanten Therapeutin gegenüber extrem misstrauisch sind. Dabei kann sie ja nichts dafür. Und sie tut wirklich ALLES um uns zu helfen, sie engagiert sich in einem Maße wie wir das vorher noch nie bei einer Therapeutin erlebt haben. Und dennoch ist jetzt eine riesen große Angst da dass sie uns irgendwann auch so weh tun wird. Dass sie uns auch so verletzen wird. Das Vertrauen steht auf sehr sehr wackeligen Beinen.

Warum haut uns so eine Erfahrung so dermaßen von den Füßen? Unsere ambulante Frau Therapeutin ist doch nicht wie die Kliniktherapeutin. Ja, Vertrauen war schon immer schwierig, aber unsere ambulante Therapeutin hat sooooo viel dafür getan dass wir ihr vertrauen könnten. Sie versteht sogar dass das jetzt wieder schwierig ist für uns und macht alles um uns zu helfen mit diesem Schmerz, diesem empfundenen Verrat klar zu kommen. Sie hat soooooo viel Verständnis und Geduld,……..und wir haben soooooooo viel Angst!!!

Wie können wir lernen dass wir vertrauen können und dürfen und dass nicht JEDES mal wenn wir vertrauen es in solch einer Verletzung mündet. Ab und an vielleicht, weniger schmerzhaft vielleicht, aber dass zu vertrauen nicht gleichbedeutend ist mit verletzt werden. Wie können wir das lernen? Vertrauen können dürfen???

2 Kommentare zu „Vertrauen, können-dürfen-lernen?

  1. Puh, das erinnert mich an eine Pflegerin aus der Traumaklinik in der wir mal waren. Die hat die DIS genauso abgelehnt (was uns betrifft), obwohl alle anderen Mitarbeiter im Team den Verdacht hatten dass wir eben viele sind. (Was ja hinterher auch ambulant mehrfach bestätigt wurde.) Ich kann eure Unsicherheit verstehen. Aber vielleicht könnt Ihr euch trotzdem immer wieder bewusst machen, dass eure ambulante Therapeutin euch glaubt und wahrnimmt. Sie ist anders als die Kliniktherapeutin. Ich hoffe, dass das Vertrauen ein wenig zurückkehren kann. Alles Liebe für euch! ❤️

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